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Radioactive – von Arne Schierhorn

Es ist Ende Dezember 2013 und in ein paar Tagen ist Weihnachten. Mein Angelkollege liegt mir seit Wochen in den Ohren weil er unbedingt wieder nach Frankreich fahren will. Ich lehne immer wieder ab, weil ich lieber meinen Urlaub für eine bessere Zeit in Frankreich aufspare und außerdem habe ich noch eine Freundin die ungern das Weihnachtsfest allein verbringt. Als ich jedoch malwieder einen handfesten Streit mit meinem Vater habe, entschließe ich kurzfristig doch zu fahren. Rückblickend kann ich mich nicht mal mehr erinnern worum es ging, nur noch das ich auf keinen Fall die Feiertage zu Hause verbringen wollte. Meine Freundin ist nicht begeistert, zeigt aber Verständnis für die Situation und lässt mich ziehen. Wir sind übrigens mittlerweile verheiratet.

  • Radioactive 10 - Arne

  • Wir entschließen uns einen Trip ins Blaue zu machen und nur wenig vorher in Erfahrung zu bringen. Ein Warmwassereinlauf eines der vielen Kernkraftwerke soll es sein und wenn möglich nicht mehr als 1300 Kilometer entfernt. Dadurch können wir die Strecke an einem Tag schaffen und abends noch neben dem Auto das Lager aufschlagen.

    Wir werden am 26ten Dezember starten und planen am 2ten Januar die Heimreise anzutreten. Um überhaupt eine Chance zu haben sollte es jedoch das richtige Kraftwerk sein.

    Damit meine ich es sollte laufen und möglichst nicht so bekannt sein, dass kein guter Platz mehr frei ist. Ebenso sollte die Einleitungstemperatur möglichst hoch und der Volumenstrom des eingeleiteten Wassers so groß wie möglich sein.

    In Deutschland gibt es eine Verordnung die reguliert wie warm eingeleitetes Brauchwasser im Verhältnis zum Entnahmetemperatur bei Industrieanlagen sein darf. Meist liegt dieser Wert bei +4°C.

In Frankreich scheint es diese Vorgaben jedoch nicht zu geben. Glücklicherweise hat mein direkter Arbeitskollege Reaktorsicherheit studiert und kann mir einige wertvolle Hinweise geben. Unterm Strich kann man sagen je älter der Schuppen ist, desto besser für uns Karpfenangler. Wir entscheiden uns also für einen der warzigsten und anfälligsten Reaktoren im oberen Bereich der Rhone.

  • Arne - Radioactive

  • Da wir mit dem Astra meines Kollegen fahren, ist nicht viel Platz für Takle, Boote oder Futter. Nur das Nötigste wird zusammengesucht und los geht es. Passenderweise haben wir auch keine Zeit darauf verschwendet einen Blick in den Wetterbericht zu werfen, denn sonst wären wir wohl gar nicht erst los gefahren.

    Als wir auf der „route du soleil“ eine Pause mit Blick auf das Saonetal machen, wird langsam klar was Phase ist. Mit Hilfe des Fernglases schätzte ich die Breite des Flusses auf mindestens 1km! 

Ich kann völlig überschwemmte Ortschaften ausmachen und ganze Waldstücke, die unter Wasser stehen. Wir hatten zwar schon im Radio von Überschwemmungen gehört, aber wie schlimm es wirklich steht wird uns erst jetzt klar. Es meldet sich wieder mein Magengeschwür und ich denke bei mir: „Nicht schon wieder so ein Trip!“

Egal, wir stecken schon zu tief drin um jetzt aussteigen zu können. Es ist noch ein ganzes Stück zu fahren und wir hoffen die Flutwelle ist bereits an unserem Bereich vorbeigezogen. Uns sind beim Beobachten des Wasserstandes im Internet allerdings seltsame Wasserstandssprünge aufgefallen, die ich bisher noch nie gesehen habe. Mal sehen was uns erwartet.

Die erste Nacht hinter dem Auto verläuft planmäßig und wir finden auch schnell einen guten Spot. Frankreich empfängt uns nach all den schlechten Vorzeichen mit einem tollen Ausblick auf unser Ziel.

  • Radioactive 2 - Arne

  • Alle vier Kühltürme laufen, das Kraftwerk ist online!

    Es fällt aber sofort auf wieviel Druck auf dem Fluss ist und das die Wasserfärbung nichts Gutes bedeuten kann. Besonders in der Rhone gehen die Bisse bei starker Wassertrübung zurück.

    Vielleicht können die Fische ihre Umgebung in Kombination mit der starken Strömung einfach zu schlecht wahrnehmen und laufen Gefahr sich beim fressen zu verletzten. Wie dem auch sei liegt die Wassertemperatur bei etwa 15C° und dies macht uns Mut.

  • Radioactive 3 - Arne

  • Sieht doch nicht schlecht aus mit der Wassertemperatur

    Der grobe Plan war es einen leichten Futterplatz anzulegen um zu sehen ob Fische vor Ort sind. Daraus wird wohl nichts, denn die Strömung ist zu stark um ohne Motor auch nur auf den Fluss heraus zu fahren.

    Wir können keine Abreißsteine finden, die schwer genug sind um die Montagen am Platz zu halten. Es ist gerade eben möglich die Ruten vor den Füßen, so etwa 10m vom Ufer entfernt abzulegen.

Auch hier treiben die Montagen noch sehr stark hin und her, aber das stört die Fische meiner Erfahrung nach kaum. Am ersten Morgen steigt am ganzen Fluss Wasserdampf auf und die tosende Strömung schafft eine seltsame Stimmung. Es ist einer dieser magischen Momente an die man noch lange zurückdenkt, auch wenn wir vom ersten Fische noch Meilen entfernt zu sein scheinen.

Radioactive 4 - Arne

Ein ganz besonderer Moment zieht vorbei

Uns wird jetzt auch klar wieso es diese seltsamen Wasserstandschwankungen bei dem Pegel des Flusses gibt. Der Wasserstand steigt und fällt tatsächlich völlig regellos um etwa 3m wenn eine neue Flutwelle vorbeigezogen kommt und das mehrmals am Tag. Wir wissen nicht wie schlimm es noch werden kann und laufen Gefahr in der Nacht abzusaufen. Es gibt keine Möglichkeit weiter zurückzuweichen weil nicht genug Platz vorhanden ist. Glücklicherweise kennen wir das Problem schon aus den Gezeiten der Elbe und bauen uns mit einem CarpSounder XRS und einer Saftflasche ein Frühwarnsystem. Die Flasche wird mit ein wenig Sand gefüllt und mit einem Stück Schnur und einem Blei über den Pieper gelegt. Steigt das Wasser, treibt die Flasche auf und das Blei zieht sie an den Pieper heran. So bekommt man ein paar Töne, die ausreichen um gewarnt zu werden.

  • Radioactive 5 - Arne

  • Kaum Platz zum ausweichen

    Kurz vor Sonnenuntergang fährt Marius seine Ruten vor den Füßen ab. Da die Rute recht dicht an einem der Bäume liegt ist die Bremse schon recht zu und der Pod eigentlich stabil verankert. Als ich aus dem Zelt schaue sehe ich allerdings nur die Überreste eines Rod Pods und Marius mit einer Rute am Anschlag. Der Fisch nimmt Schnur und als ich neben Ihm ankomme sehe ich einen riesigen Schwall an der Oberfläche. Es gelingt nicht den Fisch festzuhalten und er schafft es in den toten Baum.

Bei den aktuellen Bedingungen können wir ihm unmöglich folgen ohne uns in Lebensgefahr zu bringen, daher geben wir entnervt auf.

Nachdem wir die Reste der Montage aus dem Baum befreit haben gibt es keinen Hinweis auf einen Wels und auch der Schwall an der Oberfläche erinnert mich eher an einen Graskarpfen, aber das werden wir wohl nie erfahren. Auch wenn es bei diesem Fisch nicht geklappt hat, ist es dennoch ein Karpfenangelmoment. Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt und keiner von uns hatte mit einem Lauf gerechnet, doch dann ist es passiert.

Macht sowas nicht auch das Karpfenangeln aus?

Im Handumdrehen ist die Stimmung wieder euphorisch denn wir sind richtig, es sind Fische da!

Am nächsten Tag bemerken wir wie Jemand auf der Wiese neben der Zufahrt mit seinem Auto hin und her rangiert. „Kann sich eigentlich nur um einen Franzosen handeln“ denke ich so bei mir. Als wir näher kommen bestätigt sich der Verdacht. Dieser Jemand hat es doch tatsächlich geschafft mit seinem Peugeot 106 über 100m auf die Schlammwiese zu fahren! Ich habe mich kurz gefragt ob der Bauer das wohl mit seinem Schlepper versuchen würde, denn ich kann mir nicht vorstellen wie man da jemals wieder weg kommen soll.

Es nieselt und wir haben 6°C, der Fensterheber auf der Fahrerseite ist kaputt und die Scheibe liegt in der Tür. Das Auto ist von außen übersät mit Schlamm und gleicht von innen einer fahrenden Baustelle. In aller Seelenruhe hat Cedric jedoch sein Auto stehen gelassen und sitzt mit seiner Karpfenrute am Fluss. Wir kommen ins Gespräch und beschließen ihm zu helfen. Nach einiger Zeit und mit vereinten Kräften schaffen wir es tatsächlich das Auto zu befreien. Eigentlich unglaublich, in Deutschland hätte man entweder bis zum Sommer gewartet oder es mit einem Bergepanzer versucht. Dementsprechend sehen wir auch aus. Da unser Französisch unterirdisch ist und Cedric sein Englisch nicht vorhanden, versuchen wir uns irgendwie zu verständigen.

Er gibt uns zu verstehen dass die Bedingungen gänzlich schlecht sind (Dankeschön ist uns auch schon aufgefallen) aber dass man durchaus Fische fangen könnte. Er berichtet uns von großen Graskarpfen die er hier schon oft gesehen habe aber noch nie fangen konnte. Ebenso rät er uns dazu direkt hinter der Abbruchkante zu fischen, denn die Fische ziehen sich bei Hochwasser dahin zurück. Er selbst fischt nur etwa 10 cm hinter dem Ufer. Da war er wieder der Aha-Moment bei dem ich immer einen stechenden Schmerz im Kopf verspüre weil ich denke:

Darauf hättest de mal selber kommen können Superangler!

Wir überarbeiten unsere Strategie und verteilen die Ruten so dicht am Ufer wie möglich, wohlwissend das wir vielleicht nicht alle Fische langen können. Es gibt einfach zu viel Totholz unter Wasser von dem man nichts sehen kann.

Das Wetter klart auf, die Sonne kommt raus und das Wasser wird klarer. Am nächsten Tag haben wir 12C° und es liegt ein richtig toller Tag vor uns.

Radioactive 6 - Arne

Das Wetter bessert sich

In der folgenden Nacht fährt meine Rute ganz dicht am Ufer tatsächlich an und bringt uns den ersten Rhonefisch! Auch wenn es nur ein kleiner Schuppi ist, zählt er mehr als manch anderer, denn er ist wahrlich erarbeitet.

Radioactive 7 - Arne

Watt ein Seuten

Radioactive 8 - Arne

Kraftwerksidylle pur, wenn da was schiefgeht braucht man nicht mehr laufen

Als ich um 2 Uhr nachmittags am nächsten Tag einen weiteren recht starken Fisch im Totholz verliere, beschließen wir noch einen Tag dran zu hängen. Irgendwie haben wir das Gefühl es geht noch was.

Radioactive 9 - Arne

Die Erfolgsrute, die die meisten Bisse brachte

  • Radioactive 11 - Arne

  • Was soll da schon passieren bei so nem AKW-Auslauf?

    Aber zunächst gilt es auch ein wenig Urlaub zu machen. Wir hatten schon vor ein paar Tagen einen Seiteneinlauf entdeckt der 27°C warmes Wasser einleitet.

    Da musst ich mich erst mal ein wenig entspannen und vernünftig waschen.

Nach dem Wellness Programm wurden die Ruten ein letztes Mal für die Nacht fertig gemacht. Morgen würde es nach Hause gehen, aber ein etwas ordentlicherer Fisch musste doch noch gehen.

 

Radioactive 12 - Arne

Und unser Gefühl war richtig!

Es war wieder Regen und schlechteres Wetter vorhergesagt. Wir wollten auf jeden Fall weg sein wenn die nächste Flutwelle den Fluss runter kommen würde. Gegen sieben fährt meine mittlere Rute an und ich bekomme einen richtigen Rhone Drill geliefert! Es war klar dass ich keinen Riesen gehakt hatte aber aufgeben wollte das Teil auf keinen Fall!

Mit Rutenspitze im Wasser bekam ich eine Breitseite nach der anderen. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnten wir den Fisch endlich in den Kescher bekommen und damit war die Mission erfüllt! Ein super toller Spiegler lag vor uns, der bis heute mein einziger Rhonespiegler geblieben ist. Wir fuhren mit einem Gefühl der Glückseligkeit nach Hause. Auch wenn ich oft mehr und größere Fische gefangen habe, so wird dieser Fisch immer einen ganz besonderen Platz einnehmen.

Bis zum nächsten Abenteuer auf unsere Seite. Vielleicht wieder auf der Jagd nach dem großen Unbekannten.

Arne Schierhorn

-Carp Sounder Supporter-

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